Dienstag, 31. Juli 2018

Buchtipp: Proteinaholic

Schon lange spielte ich mit dem Gedanken, mir "Proteinaholic" von Dr. Garth Davis zu kaufen und durchzulesen. Was mich jedoch lange Zeit davon abhielt, war der Gedanke, dass es mir möglicherweise nichts wirklich Neues vermitteln würde, denn als über Ernährung informierter Veganer wusste ich ja schon längst, dass die Vergötterung des Proteins keine wissenschaftliche Grundlage hat, und dass tierische Proteine sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen. Nun, da ich die Lektüre abgeschlossen habe, kann ich nur sagen, dass diese Sorge vollkommen unbegründet war und Dr. Davis in seinem Buch wirklich auch noch viel Neues für bereits gut Informierte bereit hält, die wie ich die klassische Literatur zur vollwertig pflanzlichen Ernährung von Professor T. Colin Campbell über Dr. John McDougall bis zu Dr. Caldwell Esselstyn in und auswendig kennen. Dr. Davis analysiert hier  eine Studie nach der anderen und lässt dabei ein Gesamtbild entstehen, das jedenfalls keine begründeten Zweifel mehr an der Unsinnigkeit des Proteinmythos und an der Schädlichkeit tierischer Proteine lässt.

Aber zunächst zum Autor: Dr. Davis ist Mediziner mit der Spezialisierung auf die Chirurgie. Lange Zeit führte er die jeweils im letzten Trend liegenden Magenoperationen bei adipösen Patientinnen und Patienten durch, die ihnen dabei helfen sollten, weniger Nahrung verdauen zu können und damit dann auch endlich abzunehmen. Bei der Nachsorge sollte er ihnen auch eine Ernährungsberatung zuteil werden lassen und gab ihnen dann die üblichen verbreiteten Low-Carb-Ratschläge, an die er damals selbst glaubte und an die er sich auch selbst hielt. Er war der klassische Liebhaber von Speck und Eiern, der Kartoffeln für ungesunde Dickmacher hielt. Bis seine eigene Gesundheit und Fitness sich immer weiter verschlechterten und er schließlich begann, sich mit der tatsächlichen Studienlage zu beschäftigen. (Also den echten Studien, nicht den Schlagzeilen, die in den Medien häufig daraus gemacht werden, um den Menschen Gutes über ihre schlechten Gewohnheiten zu erzählen.) Heute lebt er vollständig vegan und läuft bei Ironman-Triathlons mit.

Diese hat er dann in diesem Buch zusammengefasst und jeder Mensch, der es von Anfang bis Ende liest, sollte danach eigentlich ein für alle Mal von allen Low-Carb- und Paleo-Fantasien geheilt sein.

Das Buch gliedert sich in vier Teile:
Im ersten schildert Dr. Davis seinen persönlichen, oben angerissenen Lebensweg.
 

Im zweiten Teil zeigt er auf, wie es zum Protein-Mythos gekommen ist und wie er sich entgegen der wissenschaftlichen Evidenz bis heute halten konnte.

Der dritte Teil dient dann der Darlegung der besagten umfassenden Studienlage zum Zusammenhang zwischen dem Konsum tierischer Proteine einerseits und den chronischen Wohlstandskrankheiten wie Krebs, Diabetes und Herzerkrankungen andererseits. Hier wird auch intensiv auf die üblichen Gegenargumente der bloggenden Fans von Tierprodukten eingegangen und es wird aufgezeigt, wie die Tierprodukteindustrie Einfluss auf das Design und die Interpretation der von ihr direkt oder indirekt mitfinanzierten Studien nimmt, um damit Ergebnisse und insbesondere Schlagzeilen in ihrem Sinne zu erzeugen. Ich habe ja schon einige Male in diesem Blog dargelegt, wie Studienergebnisse insbesondere mit Über- und Unteradjustierungen von gar nicht unabhängigen Variablen  so frisiert werden, dass am Ende in der Zusammenfassung das glatte Gegenteil von dem stehen kann, was die in der Studie gemachten Beobachtungen eigentlich zeigen.

Im vierten Teil wird insbesondere auf die Frage eingegangen, wie viel Protein der menschliche Körper denn nun wirklich braucht und mit welchen Methoden dieser Bedarf ermittelt wird. Es zeigt sich, dass fast alles, was man auf Sportler- und Bodybuilder-Blogs zum menschlichen Proteinbedarf lesen kann, einfach wieder und wieder von einander abgeschrieben ist und jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Dr. Davis zeigt klar, dass es unmöglich ist, mit der Nahrung zu wenig Protein aufzunehmen, wenn man überhaupt genug Nahrungsenergie zu sich nimmt. Dies gilt im Großen und Ganzen auch für Sportler. Eiweißriegel und -shakes sind ein Riesengeschäft und nutzen nur ihren Herstellern, während sie den Nieren ihrer Konsumenten auf Dauer erheblich schaden können.

Interessanterweise können Nahrungsproteine vom Körper dann optimal zum Muskelaufbau genutzt werden, wenn sie gleichzeitig mit als Glukose verwertbaren Kohlenhydraten aufgenommen werden. Lässt man die Kohlenhydrate nämlich weg, müssen stattdessen die zugeführten Proteine irgendwie in Nahrungsenergie umgewandelt werden und stehen dann nicht mehr als Bausteine für neues Gewebe zur Verfügung. Auch das zeigt, dass pflanzliche Proteine z.B. aus Bohnen und Vollgetreide ideal sind, denn sie kommen anders als tierische Proteine gleich im Paket mit Kohlenhydraten.

Einzig für die Übersetzung ist leider ein dicker Punktabzug fällig: Bei Übersetzung und Lektorat muss irgendetwas ziemlich schief gegangen sein, denn oft fehlt mitten im Satz einfach ein Wort. Wenn z.B. auf ein "und" gleich das Verb folgt, muss offensichtlich etwas vergessen worden sein. Manchmal kann man sich die fehlenden Wörter aus dem Kontext erschließen, oft aber auch nicht.

Samstag, 30. Juni 2018

Low-Carb- und Paleo-Märchen 3: Die ohne Pflanzenkost gesunden Innuit

Das Märchen:
Es war einmal das Volk der Inuit, das lebte im hohen Norden in Schnee und Eis. Da es im ewigen Eis keine Äcker bestellen und keine Pflanzen aus der Natur pflücken konnte, hatte es nur Wale, Seehunde, Seelöwen, Rentiere und Fische zum Essen. Doch siehe: es fehlte ihm an nichts, denn auch ganz ohne Obst und Gemüse lebten die Inuit putzmunter und ohne große Gebrechen bis sie ein hohes, hohes Alter erreichten.

Die Wahrheit:
Die tatsächlichen Erkenntnisse über den allgemeinen Gesundheitszustand der Inuit hat dankenswerterweise Dr. Garth Davis in seinem sehr empfehlenswerten und auch schon in's Deutsche übersetzten Buch "Proteinaholic" zusammen getragen: Eine Studie von R. Choinière aus dem Jahr 1992 über die Sterblichkeit der Bafin-Inuit in den Mittachtzigern zeigte, dass diese eine im Vergleich zu anderen Kanadiern um 10 Jahre geringere Lebenserwartung hatten und außerdem auch an allen möglichen chronischen Krankheiten litten. Eine weitere, 2001 veröffentlichte Studie von Iburg, Brønnum-Hansen et al. über die gesundheitlichen Aussichten der Grönländer, die zu über achtzig Prozent ebenfalls Inuit mit traditioneller Lebensweise sind, bestätigte diesen Befund.
Zwar tragen zu dieser geringeren Lebenserwartung leider auch erhöhte Raten von Suizid und Infektionen bei, jedoch erklärt sie diese nur zu einem Teil. So sind bei den Inuit z.B. auch signifikant höhere Sterblichkeitsraten aufgrund von Krebserkrankungen des Magen-Darm-Trakts und von Schlaganfälle zu verzeichnen.

Tatsächlich haben die Inuit tatsächlich leicht niedrigere Cholesterinwerte als die übrigen Bevölkerungsgruppen und eine Autopsiestudie (McLaughlin, Middaugh, et al. 2005) deuten auch auf eine geringere Rate an Herzerkrankungen hin, was sich jedoch durch zwei Faktoren erklären lässt: Zum einen nehmen die Inuit prozentual nur etwas mehr als die Hälfte der Menge an gesättigten Fettsäuren auf, die ein durchschnittlicher westlicher Mischköstler verzehrt. (9 statt 15 Prozent der Gesamtnahrungsenergie.) Dafür enthält das Fleisch der Tiere, die ihnen als Nahrungsquelle dienen,  so viel mehr ungesättigte Fettsäuren, dass sie insgesamt z.B. mehr als das Vierfache an Omega-3-Fettsäuren im Vergleich zu einem durchschnittlichen Niederländer essen. (14 statt 3 Gramm täglich.) Übrigens essen auch die Inuit pflanzliche Kost, wenn es ihnen möglich ist, z.B. Beeren, Algen, Blüten und Nüsse. (Feskens und Kromhout, 1993.)

Zum anderen ist die erwähnte Autopsiestudie wohl gerade durch die deutlich geringere Lebenserwartung der Inuit verzerrt: Wer z.B. früh an einer Infektionskrankheit stirbt, bei dem kann Arteriosklerose eben gar nicht bis zu dem Stadium fortschreiten, in dem sie in unseren Ländern in ernsten und oftmals tödlichen Vorfällen  wie Herzinfarkten und ischämischen Schlaganfällen resultieren. (Bjerregaard, Young, et al. 2003, sowie Bell, Mayer-Davis et al. 1997.)

Dank an dieser Stelle noch mal an Dr. Garth Davis, der die Studienlage zur Ernährung und Gesundheit der Inuit in seinem Buch "Proteinaholic" so gut zusammen getragen hat. (Kandern 2016, Seiten 110 ff.)

Donnerstag, 31. Mai 2018

Eier für Menschen herzgesund? Moment mal!

In der letzten Woche rauschte mal wieder eine ernährungsbezogene Aussage durch den Blätterwald, nämlich die, dass Eier nun doch gesund seien und man Herz und Arterien etwas Gutes tue, indem man täglich ein Ei esse. Die Artikel bezogen sich auf eine Studie, die in der Reihe "Heart" des British Medical Journal veröffentlicht wurde. (http://heart.bmj.com/content/early/2018/04/17/heartjnl-2017-312651)

Der Studie liegen die Daten von einer halben Millionen Chinesen zugrunde. Unseren Medien zufolge hat die Studie ergeben, dass der tägliche Konsum eines Eies mit einem reduzierten Risiko für Herzinfarkt und hämorrhagischen Schlaganfall einhergehe.

Also alles gut und ran an die Eier? Moment mal! Erst einmal wurde auch hier nur eine Korrelation, d.h. ein statistischer Gleichlauf, und kein kausaler Zusammenhang gezeigt. Wer auf prospektive Kohorten-Studien hinweist, in denen Vegetarier_innen und Veganer_innen eine niedrigere Sterblichkeit aufweisen, bekommt ja auch immer gleich zu hören, dass das erst mal gar nichts beweise und Vegetarier_innen ja auch allgemein einen gesünderen Lebensstil pflegten, indem sie sich mehr bewegten und seltener rauchten. (Allerdings bleibt die niedrigere Sterblichkeit in solchen Studien auch dann erhalten, wenn man diese Störfaktoren herausrechnet.) Die Studienautoren schreiben selbst, dass diejenigen Chinesen, die täglich ein Ei aßen, gebildeter und wohlhabender gewesen seien, als diejenigen, die praktisch keine Eier aßen. Vielleicht machten die Eier-Esser also mehrheitlich den Eier-Konsum durch mehr Sport, häufigere Vorsorgeuntersuchungen und zusätzlichen Gemüse- und Obstkonsum wett? Das würde zumindest dazu passen, dass sich in China durch die wirtschaftliche Entwicklung eine große Mittelschicht herausbildet, die in Vielem westliche Verhaltensweisen übernimmt. Es geht aus der Zusammenfassung der Studie nicht hervor, ob und wie die errechneten Korrelationen um solche möglichen Störfaktoren bereinigt wurden. Das Risiko für ischämische Herzerkrankungen war bei den täglichen Eieressern übrigens 12 Prozent geringer als bei den Eiervermeidern, das Risiko für hämorrhagischen Schlaganfall lag um 26 Prozent niedriger.

Wer die Studien von Dr. Esselstyn kennt, weiß aber, dass sich das Risiko für einen Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch um sage und schreibe 99 Prozent reduzieren lässt: Nämlich durch eine vollwertig pflanzliche und ölfreie Ernährung, die damit logischerweise auch Eier ganz ausschließt.

Wer ein möglichst geringes Risiko für Herzinfarkt haben möchte, fährt also mit der Ernährung a lá Dr. Esselstyn um ein Vielfaches besser als mit mehr oder weniger Eierkonsum: Mit ihr wird der Herzinfarkt praktisch ausgeschlossen.

Abgesehen davon war wieder mal in keinem der Artikel von den ethischen Problemen der Eierproduktion die Rede: Von den auf Hochleistung getrimmten Qualzuchten, über die überwiegend schlimmen Haltungsbedingungen bis zu dem weiterhin praktizierten Schreddern der frisch geschlüpften männlichen Küken. Fühlende Tiere als reine Produktionsfaktoren zu behandeln und die Hälfte von ihnen sogar erst auszubrüten und gleich, nachdem sie neugierig und lebenshungrig das Licht der Welt erblickt haben, wieder kaltblütig umzubringen, ist ein unglaublicher Zynismus, den niemand guten Gewissens durch den Konsum von Eiern unterstützen kann.

Sonntag, 29. April 2018

Restaurants: Nach vielen Jahren Vegan-Trend immer noch ein Minenfeld

Normalerweise suche ich aus eigenem Antrieb ja nur noch vegane Restaurants auf, einfach weil vegane Restaurants jede Unterstützung verdienen. Wenn ich auswärts essen gehe, bin ich auch bereit, mal ausnahmsweise mit Pflanzenöl zubereitete (vegane) Speisen zu essen, wobei ich dann immer darauf achte, dass es sich um Speisen handelt, bei denen das Öl zum anfänglichen Andünsten von Zwiebeln und Knoblauch verwendet wird, und nicht um eine Hauptzutat wie z.B. bei Frittiertem. Oft messe ich dann im Nachhinein meinen Cholesterinwert und kann in aller Regel einen kurzzeitigen Anstieg auf einen Wert von über 150 mg/dl feststellen, also über die Schwelle, die den Unterschied zwischen sicherem und unsicherem Bereich in Bezug auf Herzinfarkt darstellt.

Manchmal wird man jedoch zu Familienfeiern in ein Restaurant eingeladen und kann dieses dann natürlich nicht selbst aussuchen. Gestern war es bei mir wieder soweit: Es ging aus Anlass der Konfirmation einer Nichte in ein Restaurant französischen Stils in Köln-Ehrenfeld. Und wieder war ich erstaunt, dass man nach so vielen Jahren eines doch spürbaren Trends hin zu einer pflanzenbasierten bzw. veganen Ernährung in den Speisekarten fast aller nicht-veganen Restaurants immer noch nur eine Rubrik "Vegetarisch" findet, worunter manches aufgeführt ist, das vegan sein könnte oder aber auch nicht. Diese Unsicherheit ist völlig unnötig, wenn Restaurants den doch wirklich sehr überschaubaren Aufwand leisten würden, vegane Speisen auch als solche zu kennzuzeichnen bzw. bei leicht veganisierbaren Speisen auch die vegane Option als solche anzubieten. Doch in der Gastronomie scheint weiter das Motto zu gelten: Je mehr Tierisches, desto besser, und es wird ohne Rücksicht auf Verluste bei Tieren, Umwelt und Gesundheit die Völlerei befördert als ob es kein Morgen gäbe. Als ethischer Veganer steht man dann vor dem Problem, seinen Mund halten zu müssen, wenn Menschen, die man eigentlich schätzt und mag, direkt neben einem z.B. die Bestandteile von Babys (in dem Fall Lämmern) verschlingen. Von dem Leid und dem Schaden, den sie damit anrichten, wollen sie in dem Moment einfach nichts hören.

Ich bin es aber wirklich langsam leid, dass es Veganerinnen und Veganern immer noch so schwer gemacht wird. Auf Menschen, die aus religiösen Gründen irgendwelche Speisetabus einhalten, wird mehr geachtet (z.B. indem immer auch Fleischgerichte ohne Schweinefleisch angeboten werden), als auf Menschen, die aus nachvollziehbaren ethisch-rationalen Gründen mit ihrem Essverhalten möglichst wenig Leid für Tiere und möglichst wenig Schaden für die Umwelt verursachen wollen. Wie schwer kann es sein, mindestens eine sättigende vegane Option auf die Speisekarte zu setzen und diese als solche zu kennzeichnen? Der Unterschied dürfte psychologisch wohl der sein, dass diese ethisch-rationalen Gründe bei Licht betrachtet für alle gelten, während man sich religiöse Überzeugungen anderer Menschen leicht vom eigenen Leib halten kann, indem man einfach nicht an sie glaubt.

Ich rege daher an, dass möglichst alle Veganerinnen und Veganer, die sich mit diesem Problem herumärgern müssen, den Restaurants so lange (natürlich konstruktives und freundliches) Feedback geben, bis das Nicht-Anbieten einer veganen Option allgemein als die Unhöflichkeit anerkannt ist, die sie uns gegenüber de-facto darstellt.

Dem Restaurant von gestern habe ich über sein Kontaktformular jedenfalls Folgendes geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich hatte gestern die Freude gemeinsam mit der Konfirmationsgesellschaft meiner Nichte Gast Ihres Restaurants zu sein. Vielleicht erinnern Sie sich: Ich war der Herr mit den veganen Sonderwünschen.

Erst einmal möchte ich mich dafür bedanken, dass Sie meinen Wünschen so bereit willig entgegen kamen. Dennoch möchte ich Ihnen gerne auch etwas konstruktives Feedback geben, damit Sie auch für künftige vegane Gäste ein vielleicht noch angenehmeres Besuchserlebnis ermöglichen können:

Nach mittlerweile neun veganen Jahren habe ich einen recht geschulten Blick für Speisekarten und welche der dort aufgeführten Speisen vegan sein könnten bzw. sich leicht durch Weglassen einzelner Bestandteile in eine vegane Version ändern lassen könnten. Leider gibt es dabei trotzdem immer gewisse Unsicherheiten: Ofenkartoffeln ohne Schmand sind z.B. für gewöhnlich vegan, jedoch nicht mehr, wenn Butter daran gegeben wird. Von den Ravioli wurde mir gestern gesagt, dass da doch auch nichts Tierisches dran sei, serviert wurden sie mir jedoch mit Käseraspeln und außerdem halte ich es im Nachhinein für wahrscheinlich, dass Teig oder Füllung wahrscheinlich auch Ei bzw. sogar weiteren Käse enthielten. Meiner Meinung nach sind die Süßkartoffel-Pommes mit der Tomaten-Aioli höchstwahrscheinlich von Haus aus vegan, doch aufgrund von Zweifeln bezüglich der Tomaten-Aioli sollte ich eine Variante mit Ketchup bekommen. Serviert wurde mir jedoch eine Variante mit Ketchup und Mayonnaise, die nun definitiv im Normalfall nicht vegan ist. Das Hummus war ausgesprochen lecker und vermutlich sogar wirklich vegan, zumindest wenn Ihr Haus sich da an eine der traditionellen arabischen Rezepturen hält. Restzweifel blieben jedoch auch hier, da ich einfach merkte, dass ihre Küche diesem Aspekt bisher keine besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Hätte ich all das vorher gewusst, hätte ich vermutlich einfach drei Portionen Ofenkartoffeln ohne Schmand und ohne Butter gewählt und wäre voll und ganz zufrieden gewesen. (Die Kartoffeln waren wirklich auserlesen köstlich.) So jedoch bleibt mir die für mich unangenehme Vermutung, gegen meinen Wunsch Tierprodukte konsumiert zu haben.

Diese Unsicherheiten für Ihre veganen Gäste könnten Sie einfach beseitigen, indem Sie die veganen Speisen auf ihrer Karte als solche kennzeichnen bzw. bei den leicht veganisierbaren Speisen diese Option verdeutlichen. (Eben z.B. bei den Ofenkartoffeln.) Vegan ist übrigens das neue Vegetarisch (fragen Sie gerne beim früheren Vegetarierbund Vebu, heutiger ProVeg nach), da heutzutage die meisten wissen, dass auch für die Herstellung von Eiern und Milch letztlich Tiere getötet werden müssen, auch wenn deren Einzelteile wie bei den geschredderten Küken dann nicht auf dem Teller landen. Genau das, die Tötung von Tieren für das eigene Essen, wollen Vegetarier_innen ja vermeiden und verzichten deshalb häufig auch auf den Konsum anderer Tierprodukte als nur Fleisch.

Eine bloße Rubrik "Vegetarisch" hat daher für viele gar keinen Nutzen mehr, eine Kennzeichnung von veganen Speisen hat diesen hingegen sehr wohl. (Abgesehen davon sind vegane Speisen gleichzeitig auch immer halal und koscher und sind von daher auch für Gäste interessant, die aus religiösen Gründen bestimmte Tierprodukte oder Kombinationen von Tierprodukten vermeiden wollen. Interessanterweise beziehen sich die religiösen Speisetabus ja immer auf Tierprodukte.)

Dies ist wie gesagt als gut gemeinte Anregung zu verstehen. Wie man an den Gästezahlen gestern sehen konnte, hätten sie es nicht einmal nötig auf Sonderwünsche einzugehen. Aber sicher werden Sie häufig von größeren Gästegruppen besucht, und da wird immer mal wieder eine Veganerin oder ein Veganer darunter sein, die oder der (wie ich) von sich aus die tierproduktlastige französische Küche eher meidet. Mit wenig Aufwand könnten Sie auch diesen kleinen Teil ihrer Gäste positiv überraschen und für sich gewinnen.

Mit freundlichem Gruß
Hauke Dressel

Freitag, 30. März 2018

Low-Carb- und Paleo-Märchen 2: Der Cholesterinwert sagt nichts über das Herzinfarktrisiko aus

Das Märchen:
Es war einmal ein Land, in dem lebten ein paar Millionen Menschen. In diesem Land bekamen jedes Jahr viele Tausend Menschen plötzlich und unerwartet einen Herzinfarkt und über ein Drittel derjenigen, die es erwirschte, starben daran. Wenn der Gestorbene prominent war, wie z.B. ein Sänger namens Udo Jürgens, ein Publizist namens Frank Schirrmacher oder ein Schauspieler namens Ulrich Pleitgen, zeigten sich ihnen nahe stehende Menschen in den Medien immer erschüttert und fassungslos.

Wissenschaftler und Mediziner versuchten die Gründe dafür herauszufinden und stellten eine gewagte Theorie auf: Vielleicht erhöht ja ein hoher Cholesterinwert das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden? Sogleich wurden Statistiken erstellt: Es wurde geschaut, welche Cholesterinwerte die verstorbenen und die überlebenden Herzinfarktpatienten vor dem Schicksalsschlag hatten und diese Werte wurden mit denen von Menschen verglichen, die noch nie einen Herzinfarkt hatten. Doch dabei kam heraus, dass ein Drittel der Opfer eines Herzinfarktes einen niedrigen Cholesterinwert von unter 200 mg/dl gehabt hatten, also sogar 30 mg/dl besser als der durchschnittliche Wert von 230 mg/dl der Menschem im Lande. Damit war bewiesen, dass der Cholesterinwert nichts über das Herzinfarktrisiko aussagt. Die Menschen waren beruhigt, aßen wie bisher weiter viel Speck, Eier, Butter und Käse und wenn sie nicht ans Herzinfarkt gestorben sind, dann wird es vielleicht noch passieren.

Die Wahrheit:

Das Argument, ein Drittel aller Herzinfarktopfer habe einen niedrigen Cholesterinwert, hängt an der Definition von "niedrig". In einer Gesellschaft, in der der durchschnittliche Cholesterinwert bei 230 mg/dl liegt, mag ein Wert unter 200 mg/dl niedrig erscheinen. Jedoch lagen die Cholesterinwerte von Menschen in den ländlichen Regionen Asiens oder Afrikas, wo vor der Ankunft von Industrienahrung viele stärkehaltige pflanzliche Grundnahrungsmittel wie Reis oder Maniok gegessen wurden, fast immer unter 150 mg/dl. Gleichzeitig kamen Herzinfarkte in diesen Regionen praktisch nicht vor. Neugeborene haben übrigens meist Cholesterinwerte unter 140 mg/dl.

Genauso gut könnte man sagen, die Hälfte aller Auffahrunfälle mit Todesopfern geschehen bei "niedrigen" Geschwindigkeiten, also hat die Fahrgeschwindigkeit eines Autos nichts mit dem Risiko eines tödlichen Auffahrunfalls auf ein anderes Auto zu tun. Die erste Aussage wäre sogar wohl richtig, wenn man als "niedrige" Geschwindigkeit z.B. alles unter 170 km/h definiert. Und man unterschlägt dann einfach, dass Fahrzeuge bei unter 70 km/h wirklich kaum Unfälle dieser Art verursachen. Jedenfalls sind die Raten tödlicher Autounfälle auf Autobahnen nun mal in solchen Ländern niedriger, in denen auf diesen eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h gilt.

Der Zusammenhang zwischen den Blut-Cholesterinwerten und dem Risiko für einen Herzinfarkt ist in hunderten von Bevölkerungsstudien nachgewiesen. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob das Cholesterin im Blut ursächlich für Herzinfarkte ist, oder ob es lediglich ein Indikator für andere Faktoren ist, die zu einem Herzinfarkt führen können. Es gilt trotzdem: Je höher ihr Cholesterinwert, desto höher Ihr Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden. Sollte Ihnen dieses Schicksal einmal widerfahren und sollten Sie aber das Glück haben, sich statt beim Bestatter nur im Krankenhaus wiederzufinden, so werden die Ärztinnen und Ärzte mit Ihnen keine Diskussion über die Schädlichkeit oder Unschädlichkeit hoher Cholesterinwerte beginnen. Sie werden Ihnen einfach Cholesterinsenker verschreiben und fertig, und zwar völlig im Einklang mit der wissenschaftlichen Studienlage.

Die gute Nachricht: Hohe Cholesterinwerte sind ebenso wenig ein unabwendbares Schicksal wie ein Herzinfarkt. Wie Dr. Caldwell Esselstyn in mittlerweile zwei Studien gezeigt hat, können Sie mit einer vollwertig pflanzlichen Ernährung ohne extrahierte Pflanzenfette Ihr persönliches Risiko für einen Herzinfarkt gegen Null bringen. Zitat Dr. Esselstyn: "Koronare Arterienerkankungen sind ein zahnloser Papiertiger, der gar nicht existieren müsste und der -wo er existiert- nicht fortschreiten müsste." Wenn Sie diese Ernährungsweise nur einmal für drei Wochen ausprobieren, werden Sie feststellen, dass auch Ihre Cholesterinwerte ganz ohne Medikamente und deren unschöne Nebenwirkungen sinken und sinken.

Das Märchen von der fehlenden Aussagekraft von hohen Cholesterinwerten für das Herzinfarktrisiko ist genau das: Nur ein Märchen.