Sonntag, 23. März 2014

Paläo-Ernährung ist Pseudo-Wissenschaft

Seit Ewigkeiten möchte ich schon etwas zur sogenannten Paläo-Ernährung schreiben, die vorgibt, auf wissenschaftlichen Erwägungen zur Evolution des Menschen und seiner Ernährung zu beruhen, dabei aber zahlreiche unfundierte Annahmen macht und falsche Schlüsse zieht. Tatsächlich handelt es sich dabei meistens nur um ein neues, vermeintlich wissenschaftlicheres Gewand des alten Atkins- oder Low-Carb-Konzepts, das den hohen Konsum tierischer Proteine und Fette in ein gutes und den Konsum von Kohlehydraten in ein schlechtes Licht rücken soll, wobei dann auch nicht mehr groß zwischen leeren raffinierten Kohlehydraten wie Weißmehl und Kristallzucker einerseits und Kohlehydraten aus vollwertigen, ballaststoffreichen Quellen wie Vollgetreide, Naturreis, Kartoffeln, Hülsenfrüchten und Obst andererseits unterschieden wird.

Auch fällt auf, dass sich unter den Vertretern der Paläo-Ernährung keine "echten" Anthropologen (d.h. solche mit akademischem Grad) finden, denn diese wissen sehr genau, dass es "die Ernährung" der Steinzeitmenschen nicht gegeben haben kann, da die Steinzeit einen riesigen Zeitraum umfasst, in dem Menschen unter verschiedensten Umweltbedingungen gelebt haben und dass das Wissen über deren genaue Lebensweisen nach wie vor extrem lückenhaft und begrenzt ist. (Unter denen, die mit Büchern über die sogenannte Paläo-Ernährung viel Geld verdienen, finden sich überhaupt auffällig viele "Fachfremde" wie Wirtschaftsprofessoren und Fitnesstrainer.) Viele unserer Vorfahren haben z.B. nachweislich auch Baumrinden und Maden gegessen, trozdem gibt es keine bekannten Vertreter der Paläo-Diät, die so etwas auf ihren Speiseplan setzen oder behaupten, dass das zu einer gesunden Ernährung dazu gehöre.

Zudem gibt es bei den Anhängern der Paläo-Diät auch noch zahlreiche Missverständnisse zum Wesen der Evolution selbst. Es ist z.B. nicht klar wieso wir genetisch noch die gleichen Merkmale wie unsere Vorfahren aus der Steinzeit besitzen sollen. Richard Dawkins beschreibt in seinem Buch "Die Schöpfungslüge" (englisch: "The Greatest Show on Earth") sehr schön, wie bestimmte Adaptionen auch über wenige Generationen hinweg möglich sind. Auch gibt es so etwas wie eine Koevolution, die im Falle von Kulturpflanzen zum menschlichen Verzehr sogar durch Züchtung noch erheblich beschleunigt wurde. D.h. nicht nur Menschen haben sich an ihre natürlichen Umweltbedingungen angepasst, sondern sie haben auch die Natur durch Züchtung besonders nährstoffreicher und ernährungsphysiologisch wertvoller Pflanzen an sich angepasst.

Man kann vor jeder Art von Low-Carb-Ernährung nur warnen, denn schon in der westlichen Standardernährung ist der Anteil von Proteinen und Fetten insbesondere aus Tierprodukten viel höher als er sein sollte und (gemeinsam mit dem Konsum extrahierter pflanzlicher Fette und raffinierter Kohlehydrate) die Hauptursache unserer zahlreichen Wohlstandskrankheiten wie Herzinfarkt, ischämischer Schlaganfall, Typ-II-Diabetes, Arthritis, Prostata-, Brust-, Eierstock- und Darmkrebs. Generell steigt mit dem Konsum tierischer Proteine auch der IGF-I-Spiegel, der wiederum das Risiko für Krebs im allgemeinen erhöht. (Siehe hier.)

Da mir aber momentan die Zeit fehlt, die erwähnten unfundierten Annahmen und falschen Schlüsse der Paläo-Ernährung im einzelnen auseinander zu pflücken, möchte ich zumindest auf einen sehr guten Vortrag einer "echten" Anthropologin, nämlich Dr. Christina Warinner von der University of Oklahoma hinweisen, den sie bei einer TEDx-Veranstaltung gehalten hat. Man benötigt jedoch einigermaßen gute Englischkenntnisse um ihm folgen zu können:

Kommentare:

  1. Allein schon die allgemein bekannte Info, dass dort, wo Milchwirtschaft eingeführt wurde, sich auch das Enzym, um diese zu verdauen entwickelt und verbreitet hat, müsste reichen, um diese Ideen als unsinnig zu entlarven.

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    1. Hallo Claudia,

      ja, das ist ein gutes Beispiel für eine Adaption, die erst vor ein paar tausend Jahren denen, die sie aufwiesen, einen evolutionären Vorteil verschaffte, weil sie zu den ansonsten wohl knappen Kohlehydratquellen eine weitere erschloss und so vielleicht vor dem Verhungern bewahren konnte. Glücklicherweise sind wir heute dank eines großen Angebots pflanzlicher Kohlehydrate nicht mehr darauf angewiesen, den Babys einer anderen Spezies ihre Nahrung zu stehlen.

      Ein weiteres Beispiel sind die vielen Gen-Kopien beim Menschen für Amylase, also dem Enzym, das für die Verdauung von Stärke erforderlich ist. Im Gegensatz zu der "Meat made us smart"-Hypothese waren es also wohl eher stärkehaltige Pflanzen, die dafür sorgten, dass das menschliche Gehirn mit viel Energie versorgt werden und dadurch entsprechend wachsen konnte. (Dazu muss man wissen, dass das Gehirn ausschließlich Glukose als "Treibstoff" verwenden kann.)

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