Sonntag, 13. November 2016

Endlich da: "How Not to Die" von Dr. Michael Greger auf deutsch

"How Not to Die"
Schon vor einigen Wochen ist Dr. Michael Gregers Buch "How Not to Die" auf deutsch im Unimedica-Verlag erschienen. Der Titel ist durchaus doppeldeutig und ließe sich sowohl mit "Wie man nicht sterben sollte" übersetzen, als auch -sehr vermessen- mit "Wie man nicht stirbt".

Ich habe ja die Angewohnheit, Bücher grundsätzlich in kleinen Stadtteilbuchhandlungen zu bestellen, um diese am Leben zu erhalten. In diesem Fall musste ich eine Ausnahme machen, da offenbar bereits alle Exemplare des Buches aus dem Großhandel abverkauft sind und ich somit auf einen Nachdruck des Verlages hätte warten müssen, bevor ich es in einer meiner zwei Stadtteilbuchhandlungen hätte kaufen können. Da traf es sich, dass ich noch einen Büchergutschein der Buchhandelskette Mayersche hatte und die das Buch wohl in ihren eigenen Lagern hatte.

Seit gestern bin ich also stolzer Besitzer eines Exemplars, das jetzt erst mal Vorfahrt vor allen anderen von mir zur Zeit gelesenen Büchern bekommt.

Wer den Autor nicht kennt: Dr. Michael Greger betreibt die hochinformative Internet-Seite "Nutrition Facts" (dot org), auf der er in kurzen Videos die aktuellen Forschungsergebnisse der Ernährungswissenschaften und der Ernährungsmedizin für ein Allgemeinpublikum verständlich und knackig zusammen fasst. Wobei diese Videos leider nur für diejenigen verständlich sind, die entweder Englisch als Muttersprache haben oder deren Englischkenntnisse über das durchschnittliche Schulenglisch ein gutes Stück hinaus gehen. Michael Greger selbst hat Abonnements aller relevanten Fachzeitschriften. Er liest somit die tatsächlichen Fachartikel und nicht nur deren kurze allgemein verfügbaren Zusammenfassungen (Abstracts). Das ist wichtig, denn manchmal machen diese Zusammenfassungen absichtlich oder versehentlich Aussagen, die durch die eigentlichen Ergebnisse der beschriebenen Studie nicht gedeckt sind. Vorsicht ist zum Beispiel immer angesagt, wenn Studien Aussagen über eine "fettarme Ernährung" machen und diese beispielsweise als wenig geeignet zur Erreichung bestimmter Ziele darstellen. Schaut man dann in den Artikel, stellt man fest, dass dort eine Ernährung, bei der 30 Prozent der Nahrungsenergie aus Fetten stammen, als "fettarm" bezeichnet wird. Einen solchen Anteil von Nahrungsfetten erreicht man nur mit Tierprodukten aus Masttierhaltung, pflanzlichen Ölen oder Unmengen von Nüssen und Samen. Bei der gesündheitsförderlichsten Ernährungsweise der Welt, nämlich einer vollwertig pflanzlichen und ölfreien Ernährung, kommt man hingegen nur auf etwa 10 Prozent der Nahrungsenergie aus Fetten. Das ist fettarm!

Eine solche vollwertig pflanzliche und fettarme Ernährung empfiehlt auch Dr. Michael Greger, wobei er aber noch zahlreiche auf der Forschung basierende Tipps zu einzelnen Lebensmitteln, bestimmten Mikronährstoffen und allgemeinen Fragen des Lebensstils z.B. in Bezug auf Sport, Bewegung und Schlaf geben kann. So empfiehlt Dr. Greger beispielsweise sage und schreibe drei Portionen Hülsenfrüchte am Tag! Ich habe ja auch meinen ersten Artikel dieses Jahres den Hülsenfrüchten gewidmet. Von ihnen kann man in der Tat kaum genug bekommen. Wie Michael Greger auch am Anfang seines Buches beschreibt, wurde er sehr stark davon geprägt, dass er als Kind miterlebte, wie seine geliebte Großmutter von ihren Ärzten eine Prognose von nur noch wenigen Tagen restlicher Lebenszeit erhielt. Sie litt an den schweren Folgen der Arteriosklerose in ihren Blutgefässen, Bypass-Operationen waren wegen der starken Vernarbungen schon nicht mehr möglich. Dann hörte die Familie von einem Ernährungspionier namens Nathan Pritikin, der sowohl Herzerkrankungen wie auch Diabetes mit einer fettarmen Diät aus ballaststoffreichen, vollwertigen pflanzlichen Lebensmitteln, also Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Vollgetreide,  heilte. (Ja, "heilte"!) Gregers schwerstkranke Großmutter, die im Rollstuhl den weiten Weg von Miami in Pritikins Klinik in Kalifornien gebracht wurde,  konnte diese bereits nach drei Wochen als genesen auf eigenen Füßen verlassen und dann auch schon täglich ausgedehnte Spaziergänge von zehn Meilen machen. Ihr waren dann weitere 31 Lebensjahre vergönnt, sie starb im stolzen Alter von 96 Jahren.

Das Buch ist nun eine Gelegenheit für alle deutschen Muttersprachler mit lediglich durchschnittlichen Englischkenntnissen, von Dr. Gregers Arbeit zu profitieren. Interessanterweise verfolgt er keinerlei kommerzielle Interessen, wie an seiner Website gut erkennbar ist, wo jetzt lediglich ein Hinweis auf sein Buch als einzigem käuflichen Artikel zu finden ist. Offenbar hat er gut geerbt, denn die Zeit und die Mittel, die dieses aufwändige Projekt erfordert, muss man erst einmal haben. Schön, dass er seine finanziellen Möglichkeiten in einer für Menschen, Tiere und Umwelt so positiven Weise nutzt.

Ich konnte das Buch natürlich noch nicht vollständig durchlesen, aber von dem, was ich schon stichprobenartig gelesen habe, kann ich sagen, dass es den klaren und verständlichen Stil seiner Website fortsetzt und zudem auch gut und professionell übersetzt wurde. (Das ist wirklich wichtig, denn mit einer schlechten Übersetzung kann jedes Fachbuch wirklich unbrauchbar gemacht werden.) Da Dr. Greger auch in seinem Buch nur Aussagen macht, die er mit Studien belegen kann, fällt der Literaturnachweis am Ende des Buches entsprechend groß aus: Praktisch ein Viertel der knapp 500 Seiten des Buches sind Quellenhinweise. Das Buch kommt mit einem festen Umschlag und einem Bändchen zum Wiederfinden der zuletzt gelesenen Stelle. Die Seiten sind eng, aber noch sehr gut lesbar in jeweils zwei Spalten bedruckt. (Was das Lesen zusätzlich erleichtert.) Für die gute Aufmachung, die gute Übersetzung und die Tatsache, dass es sich um ein echtes Fachbuch voller fundierter und interessanter Informationen handelt, ist es mit knapp 25 Euro sogar sehr günstig.

Ich kann es also bereits jetzt uneingeschränkt empfehlen.

Update 14.11.2016: In einer ersten Version dieses Artikels habe ich Pritikins Diät als aus Reis, Trockenfrüchten und etwas Zucker bestehend beschrieben. Dabei hatte ich allerdings nicht Pritikins Diät im Kopf, sondern die von Dr. Walter Kempner, einem anderen Ernährungspionier aus den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, der ebenfalls mit Ernährung zuvor nicht gekannte Heilungserfolge bewirken konnte. Pritikins Diät war jedoch aus heutiger Sicht schon deutlich vielfältiger und ausgewogener.

Sonntag, 9. Oktober 2016

Unbedingt ansehen: "Hunde essen? Warum nicht?"

Nachdem dieser Blog nun einige Monate im Dornröschenschlaf versunken war, plane ich nun seine Wiederbelebung, d.h. ich möchte jeden Monat wieder mit mindestens ein bis zwei neuen Beiträgen aufwarten. (Themen habe ich noch genug.)

Den Anfang mache ich mal mit einem Thema, dass ich hier schon mehrfach behandelt habe: Dem Karnismus. Dieser Begriff wurde ja von der amerikanischen Psychologin Melanie Joy eingeführt. Ich verzichte jetzt darauf, ihn näher zu erklären und verweise stattdessen auf das unten verlinkte YouTube-Video.

Doch vorher noch kurz zum Hintergrund: Mittlerweile ist Joy mit dem Geschäftsführer des Vebu (vormals Vegetarierbund) verheiratet und konnte wohl nicht zuletzt auch dadurch dort ihre fachliche Expertise einbringen. Der Vebu wiederum besitzt eine unbestrittene Expertise auf dem Gebiet der Öffentlichkeitskommunikation und Mediengestaltung. Beides zusammen führte nun zu einer neuen Vebu-Kampagne "Karnismus erkennen" mit eigenem Webauftritt: http://www.karnismus-erkennen.de/

Teil dieser Kampagne ist ein neu produziertes Video, das den Karnismus, seine Wirkungsweise und seine Auswirkungen kurz und anschaulich darlegt. Wer also nicht den langen Vortrag sehen möchte und trotzdem ein paar wirklich augenöffnende Einsichten gewinnen möchte, sollte dieses Video mit dem Titel "Hunde essen? Warum nicht?" unbedingt ansehen:



 (Oder Link: https://www.youtube.com/watch?v=r8GR8x_SMnw)

Samstag, 2. April 2016

Auch Hirninfarkt ist vermeidbar

Diese Woche machte der Tod des Musikers Roger Cicero Schlagzeilen, der im Alter von erst 45 Jahren durch einen "Hirninfarkt" mitten aus dem Leben gerissen wurde. Welch ein tragischer Verlust für seine Hinterbliebenen. Und auch die Fans seiner Musik trauern um den Künstler und sicher auch darum, dass mit ihm auch ein gewaltiges Potenzial noch nicht entstandener musikalischer Werke für immer verschwand.

Als "Hirninfarkt" wird gemeinhin ein ischämischer Schlaganfall bezeichnet, bei dem ein Blutgerinnsel im Gehirn ein Blutgefäß verstopft, so dass Teile des Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden und zugrunde gehen. Dies ist nicht zu verwechseln mit einer Gehirnblutung, dem sogenannten hämorrhagischen Schlaganfall, bei dem ein Blutgefäß im Gehirn platzt und das austretende Blut Gehirngewebe zerstört. Diese Art von Schlaganfall macht nur etwa 20 Prozent aller Schlaganfälle aus, die weitaus meisten sind hingegen ischämische Schlaganfälle.

Ein ischämischer Schlaganfall hat damit die gleiche Ursache wie ein Herzinfarkt: Die Blutgerinnsel entstehen, wenn entzündliche Ablagerungen (die arteriosklerotische Plaque) in den Wänden einer Arterie aufreißen, darunter eingeschlossene Partikel in die Blutbahn austreten und dies die körpereigenen Freßzellen auf Plan ruft, die eigentlich die Partikel unschädlich machen sollen. Wenn zu viele solcher Zellen zusammenkommen, bilden sie ein Gerinnsel (medizinisch Thrombus), das das Blutgefäß an Ort und Stelle verstopfen kann, oder aber auch sich lösen und durch die Blutbahn wandern kann, bis es an eine Stelle kommt, die schlicht zu eng ist. Befindet sich die Stelle in einem Herzkranzgefäß, entsteht ein Herzinfarkt, liegt es im Gehirn, entsteht entsprechend ein Hirninfarkt. In solchen Fällen kann ein körpereigener Abwehrmechanismus also tödlich wirken.

Die gute Nachricht ist: Durch eine vollwertig pflanzliche Ernährung ohne extrahierte Öle lässt sich verhindern, dass solche Entzündungen in den Wänden der Arterien neu entstehen, bzw. dass bereits entstandene Plaque aufreißt. Diese Methode hat Dr. Esselstyn wieder und wieder bei schwerst herzkranken Patienten mit großem Erfolg eingesetzt. Er konnte sogar zeigen, dass bereits entstandene Plaque in den Arterienwänden sich bei dieser Ernährung wieder zurück bildet. Damit hat er eine einfache und effektive Methode zur Verhinderung von Herzinfarkten und ischämischen Schlaganfällen entwickelt und etwas geschafft, was Jahrzehnte an Pharmaforschung nicht vermochten. Dafür hätte er eigentlich den Nobelpreis für Medizin verdient, aber wahrscheinlich wird seine Methode von den über die Preisträger entscheidenden Kolleginnen und Kollegen einfach als zu einfach eingeschätzt.  Der prominenteste Mensch, der auf diese Weise einen Herzinfarkt vermeidet, ist sicher Bill Clinton. Und auch seine Tochter Chelsea hat sich ihm in dieser Ernährungsweise angeschlossen.

Herz- und Hirninfarkte sind ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen mit dem Verbrauch von Tieren nicht nur diesen, sondern auch sich selbst völlig unnötiges und vermeidbares Leid zufügen. Das von Melanie Joy so schön getaufte allgegenwärtige System des Karnismus tarnt den Tierverbrauchs als Normalität und verhindert so, dass er als der Wahnsinn erkannt wird, der er eigentlich ist.

Sonntag, 24. Januar 2016

Trauer um einen unnötig verstorbenen Kollegen

Ich trauere um meinen besonders netten Kollegen Volker, der diese Woche mitten während der Arbeit zusammenbrach und dort noch notärztlich versorgt wurde. Ich war gerade auf dem Weg in das Gebäude, in welchem er sein Büro hatte, als  er im Schnellschritt von Sanitätern auf einer Krankenliege durch den Hauptgang an mir vorbei zum draußen stehenden Rettungswagen gerollt wurde, aschfahl und offenbar schon bewusstlos. Ich hoffte noch inständig, dass man ihm würde helfen können. Leider kam dann am nächsten Tag die Rundmail der Geschäftsleitung, die die bösesten Vorahnungen zu einer traurigen Gewissheit machte: Er war noch am selben Tag verstorben.

Man konnte mit Volker immer ein paar freundliche Worte austauschen, ob man ihn nun an der Straßenbahnhaltestelle traf oder in der Kantine. Wenn man ein Problem hatte, welches in sein Fachgebiet fiel, hat er einem die Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt und erläutert. Er war der Typ Mensch, von dem man sich nicht vorstellen konnte, dass er irgendwem etwas Böses wollte. Er strahlte immer Ruhe und Besonnenheit aus. Volker war erst 57 Jahre alt und wurde von einem Moment auf den anderen mitten aus seinem Leben gerissen. Meine Gedanken gelten auch seinen Angehörigen, die völlig unerwartet einen unsäglichen Verlust ertragen müssen.

Die Todesursache war vermutlich ein Herzinfarkt und wahrscheinlich hat der Arzt es auch so auf dem Totenschein eingetragen. Da ja kein Hinweis auf eine unnatürliche Todesursache vorliegt (weil ein Herzinfarkt ja als "natürlich" gilt), wird Volkers sterbliche Hülle sicher nicht obduziert werden, so dass man es nie mit letzter Sicherheit erfahren wird.

Leser meines Blogs oder der Bücher von Dr. Esselstyn oder Dr. McDougall wissen ja, dass ein Herzinfarkt eine vermeidbare Wohlstandskrankheit ist. Volker wusste es wohl nicht. Wahrscheinlich ahnte er auch gar nicht, dass er in akuter Lebensgefahr war, denn man hat ja immer die Vorstellung, dass wenn es einen mal erwischen sollte, man das ja sicher überleben würde und sich dann immer noch Gedanken über eine gesündere Lebensweise machen könnte. Hätte er es aber geahnt und hätte er auch die Information gehabt, dass ein bloßer Verzicht auf Tierprodukte und extrahierte Fette diese Gefahr hätte ausschließen können, so bin ich sicher, dass er diese Möglichkeit genutzt hätte.

Leider wird die Öffentlichkeit weiter nicht über diese Möglichkeit informiert und stattdessen werden weiter Halbwahrheiten verbreitet, die die Menschen davon abhalten, sie für sich zu nutzen. So lief erst am Freitag auf 3sat eine Sendung mit dem Titel "Die Wahrheit über Fette", in der alles Mögliche gesagt und gezeigt wurde, aber eben nicht die entscheidende Wahrheit, dass die Fette in vollwertiger pflanzlicher Nahrung einschließlich ein paar Nüssen und geschroteten Leinsamen dem Körper einerseits vollkommen ausreichen und andererseits im Gegensatz zu tierischen und extrahierten pflanzlichen Fetten nicht zu einer Enstehung oder einem Fortschreiten von Arteriosklerose beitragen.

Ich habe es mir nicht angetan, die ganze Sendung anzusehen, da ich die Machart und den üblichen Tenor schon kenne. (Mediterrane Kost besser als sogenannte "fettarme" Ernähung mit 30 Prozent Fett, bla, kalt gepresstes Olivenöl, bla bla. Fettarmes Essen schmeckt nicht, bla, und verleitet zum Konsum von zuviel Kohlehydraten, bla bla, Blutzuckerschwankungen, Heißhunger, Übergewicht, bla bla bla. Seltsam, dass nie erwähnt wird, dass z.B. ein Stück Fleisch eine viel höhere Insulinantwort des Körpers produziert als eine noch so große Portion Kartoffeln. Selbst wenn also Insulin und seine Schwankungen böse wären -was sie natürlich nicht sind, denn es ist genau das Insulin, welches Blutzucker und Appetit reguliert- müssten diese Experten vom Konsum von Tierprodukten abraten.)

Aber natürlich wurde auch wieder die eine Halbwahrheit verbreitet, die auf eine ganze Lüge hinausläuft: Sinngemäß wurde wieder gesagt, dass ein Drittel aller Herzinfarktpatienten schlank sei und niedrige Cholesterinwerte habe. Daraus soll der geneigte Zuschauer natürlich schließen, dass eine Senkung des Cholesterinspiegels einen nicht vor einem Herzinfarkt schützen könne.

Nur: Die Aussage ist genauso sinnvoll wie die Aussage "Die Hälfte aller Autounfälle mit Toten geschieht bei niedrigen Geschwindigkeiten." Die Aussage ist sogar in jedem Fall wahr: Ich muss nur alle Autounfälle mit Toten hernehmen und prüfen, bei welchen Geschwindigkeiten sie sich ereigneten. Sagen wir, die Bandbreite läge zwischen 28 und 317 Stundenkilometern. Nun sortiere ich die tödlichen Autounfälle aufsteigend nach der Geschwindigkeit, bei der sie sich ereigneten, und zähle die Hälfte der so sortierten Reihe ab. Ich lande bei einem Autounfall, der sich bei einer Geschwindigkeit von z.B. 147 Stundenkilometern ereignete. Nun sage ich einfach, dass eine Geschwindigkeit von unter 150 Stundenkilometer niedrig sei. Schon kann ich sogar sagen, dass sich über die Hälfte aller Autounfälle mit Todesfolge bei "niedrigen" Geschwindigkeiten ereignet. Damit habe ich ein prima Argument, dass Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht gegen Verkehrstote helfen.

Die Aussage, dass ein Drittel aller Herzinfarktpatienten niedrige Cholesterinwerte habe, fällt in die gleiche Kategorie, denn bei uns werden Gesamtcholesterinwerte von unter 200 mg/dl völlig willkürlich als niedrig deklariert. Ernährt man sich hingegen vollwertig pflanzlich und ohne extrahierte Fette, so bekommt man einen Wert von unter 150 mg/dl. Das ist dann tatsächlich so niedrig, dass man vor einem Herzinfarkt geschützt ist, wie Dr. Esselstyn in seinen Studien bewiesen hat.

Diese Studien wurden natürlich in der Sendung wieder nicht erwähnt, obwohl sie so revolutionär sind, dass Dr. Esselstyn dafür den Nobelpreis für Medizin verdient hätte. Es bleibt die Hoffnung, dass sich die dadurch gewonnenen Erkenntnisse auch ohne unsere Medien durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreiten, zumindest bei denen, die tatsächlich schon von kardiovaskulären Erkrankungen betroffen sind und diese bisher überlebt haben. Rollenvorbilder wie das von Bill Clinton könnten dabei helfen und auch ich hoffe, mit meinem Blog dazu einen bescheidenen Beitrag leisten zu können.

Samstag, 2. Januar 2016

Frohes neues Jahr der Hülsenfrüchte

Fasolia - Bohnengericht aus weißen Bohnen und Tomatensoße
Ich wünsche Ihnen, den Leserinnen und Lesern meines Blogs, ein frohes und gesundes neues Jahr 2016. Da dieses Jahr von der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum internationalen Jahr der Hülsenfrüchte erklärt wurde, wünsche ich Ihnen auch viele leckere vegane und ölfreie Mahlzeiten mit Bohnen,  Linsen und Erbsen, von denen wir in unserem Kulturkreis inzwischen leider viel zu geringe Mengen essen.

Es gibt keine Lebensmittelgruppe, deren Verzehr über alle Kulturkreise hinweg so eindeutig mit einer hohen Lebenserwartung assoziiert ist, wie eben die Hülsenfrüchte. In der "Food Habits in Later Life (FHILL)"-Studie [1]  wurden ethnische Gruppen von über 70-Jährigen aus Japan, Griechenland, Schweden und Australien daraufhin untersucht, wie ihre Sterblichkeit mit dem Verzehr verschiedener Lebensmittelgruppen zusammen hing. In dieser Studie wurde nur für die Lebensmittelgruppe der Hülsenfrüchte in allen ethnischen Gruppen ein signifikanter Zusammenhang zwischen  ihrem Konsum und einer reduzierten Sterblichkeit festgestellt, wobei das Sterblichkeitsrisiko je 20 Gramm täglicher Aufnahme um 7-8 Prozent geringer war. Natürlich wäre es ein Fehlschluss, nun  anzunehmen, dass man für diese verringerte Sterblichkeit erst ab 70 Jahren vermehrt Bohnen und Linsen essen müsse. Man kann im Gegenteil davon ausgehen, dass wer mit 70 und darüber besonders viele Hülsenfrüchte aß, dies auch schon in jüngeren Jahren getan hatte.

In vielen Regionen der Erde sind Hülsenfrüchte ein Grundnahrungsmittel, z.B. Bohnen zusammen mit Reis in Südamerika und Dal aus roten Linsen in Indien. Sie liefern mit Stärke und Proteinen besonders viel wertvolle Nahrungsenergie  und darüber hinaus zahlreiche Mikronährstoffe in Form von Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und sekundären Pflanzenstoffen. Ihr biologischer Anbau trägt Stickstoff in die Böden ein und fördert damit noch deren Fruchtbarkeit anstatt sie auszulaugen.

Auch andere Studien haben viele positive Effekte durch den Genuss von Bohnen, Erbsen und Linsen gezeigt: Sie halten den Blutzucker und den Blutdruck unter Kontrolle [2] und senken das böse LDL-Cholesterin [3], wozu unter anderem ihr hoher Gehalt an Ballaststoffen beitragen dürfte.

Also Leute: Esst mehr Bohnen, Linsen und Erbsen!

Übrigens zeigt kaum etwas besser, dass die sogenannte Paläo-Ernährung unwissenschaftlicher Quark ist, als deren Warnung vor Hülsenfrüchten. In Anbetracht der nachgewiesenen positiven Effekte von Hülsenfrüchten müssen entweder schon die Annahmen der Paläo-Ernährung über die Ernährung unserer steinzeitlichen Vorfahren falsch sein, oder es kann etwas mit den Schlussfolgerungen in Bezug auf die Bedeutung der Steinzeitkost für die Gesundheit heutiger Menschen nicht stimmen. Zwar wird die Warnung vor Hülsenfrüchten in der sogenannten Paläo-Ernährung scheinbar wissenschaftlich damit verbrämt, dass Hülsenfrüchte mit den Lektinen giftige "Antinährstoffe" enthielten. Dabei wird aber schlicht unterschlagen, dass die Lektine in Bohnen, Linsen und Erbsen durch das Kochen entweder komplett unschädlich gemacht werden (im Falle der Phasine) oder mindestens um den Faktor 1000 auf vollkommen ungefährliche Größenordnungen reduziert werden (im Falle der Phytohämaagglutinine). Natürlich muss dringend davon abgeraten werden, Hülsenfrüchte ungekocht zu verzehren. Aber Menschen kochten ihre Nahrung nachweislich schon seit mindestens einer Million Jahren. Anthropologen gehen heute davon aus, dass es dieses Kochen war, das unseren Vorfahren die zusätzliche Nahrungsenergie verfügbar machte, welche zur Ausbildung des sehr komplexen und damit energiehungrigen menschlichen Gehirns erforderlich war.

Im Falle eines anderen von der sogenannten Paläo-Ernährung als Antinährstoff gescholtenen Stoffes, nämlich der Phytinsäure, die z.B. in Vollgetreide vorkommt, zeigen neueste Forschungen einige positive Effekte, die sich offenbar aus dem Zusammenspiel mit der Darmflora ergeben. Das Zusammenwirken von Pflanzenstoffen und Darmflora ist noch größtenteils unerforscht. Das Genom der Darmflora unterliegt einer wesentlich schnelleren Evolution als das des Menschen selbst. Dies wird von der sogeannten Paläo-Ernährung vollkommen außer acht gelassen.

Also: Wenn Sie auf irgendwelchen Blogs wie Paleo360 oder Urgeschmack Warnungen vor "Anti-Nährstoffen", Lektinen und Phytinsäure in Hülsenfrüchten und Vollgetreide lesen, ignorieren Sie es einfach, auch wenn die Argumente scheinbar wissenschaftlich daherkommen!


[1] Asia Pac J Clin Nutr. 2004;13(2):217-20. Legumes: the most important dietary predictor of survival in older people of different ethnicities. Darmadi-Blackberry I1, Wahlqvist ML, Kouris-Blazos A, Steen B, Lukito W, Horie Y, Horie K. [Link zur Originalstudie]

[2] Arch Intern Med. 2012 Nov 26;172(21):1653-60. Effect of legumes as part of a low glycemic index diet on glycemic control and cardiovascular risk factors in type 2 diabetes mellitus: a randomized controlled trial. Jenkins DJ1, Kendall CW, Augustin LS, Mitchell S et. al. [Link zur Originalstudie]


[3] CMAJ. 2014 May 13; 186(8): E252–E262. Effect of dietary pulse intake on established therapeutic lipid targets for cardiovascular risk reduction: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Vanessa Ha, John L. Sievenpiper, Russell J. de Souza et. al [Link zur Originalstudie]