Sonntag, 1. November 2015

Offener Brief an die Nachdenkseiten zu ihrem "Wurstartikel"

Die Nachdenkseiten sind ein Online-Medium, welches versucht, im Sinne der Aufklärung eine kritische Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien zu solchen Themen wie Sozial-, Wirtschafts- und Außenpolitik aufzubauen. Das ist auch dringend erforderlich, wenn man bedenkt, dass z.B. 80 Prozent des deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenmarktes in der Hand von wenigen Multimillionärsfamilien sind, die kein Interesse daran haben, mit ihren Medien Diskussionen zu befördern, die an ihre Privilegien rühren würden. Dies gilt leider selbst dann, wenn die Abschaffung solcher Privilegien (wie z.B. die mit Tricks fast steuerfreie Vererbbarkeit selbst von Milliardenvermögen, die Förderung des Lohndumpings im Sinne der Kapitaleigner, die Begünstigung von Kapital- gegenüber Erwerbseinkünften und die Aussetzung der Vermögenssteuer) das Leben von Millionen von Menschen in diesem Land und anderswo erleichtern und auch die Gesellschaft insgesamt besser und gerechter machen könnte.

Die Regierung, die Wirtschaftsfakultäten, die Unternehmerverbände und -lobbys und leider auch die meisten Medienredaktionen dieses Landes sind von der neoklassischen Wirtschaftstheorie durchdrungen, die auf falschen Annahmen beruht, wieder und wieder zu falschen Prognosen führt, falsche Mythen (wie z.B. Staatsschulden als Lasten künftiger Generationen) und logische Widersprüche hervorbringt. (Wie z.B. den, dass alle Staaten gleichzeitig ihre "Wettbewerbsfähigkeit" verbessern könnten.)  Ich kann nur jeder Leserin und jedem Leser empfehlen, die auf den Nachdenkseiten gesammelten und aufbereiteten Informationen einmal durchzusehen und damit den eigenen kritischen Verstand gegen die vielen kursierenden und unhinterfragten neoklassischen Dogmen und Mythen zu aktivieren. Es ist nicht viel anders als beim Karnismus: Ein herrschendes Glaubenssystem, dass von der Mehrheit der Menschen (noch) nicht hinterfragt wird, wird als solches unsichtbar und erscheint dann den meisten als "Wahrheit".

Umso enttäuschter bin ich dann immer, wenn die Macher solcher aufklärerischen und kritischen "Gegenmedien" (ein anderer Fall ist Telepolis) sich bemüßigt fühlen, in puncto Fleischkonsum den Status Quo und damit wohl einfach ihre eigenen Ernährungsgewohnheiten zu verteidigen. Dies war auch jüngst bei den Nachdenkseiten der Fall, deren von mir sehr geschätzter Redakteur Jens Berger mit einem Artikel auf die jüngste WHO-Veröffentlichung reagierte, die den Verzehr von rotem und insbesondere von verarbeitetem Fleisch als Risikofaktor für die Entstehung von Darmkrebs  aufzeigte. (Und deren Ergebnisse für gut informierte vegan lebende Menschen gar nichts Neues mehr waren.) In dem Artikel versucht Jens Berger, die Schlussfolgerungungen der der WHO-Veröffentlichung zugrunde liegenden Meta-Studie als nicht stichhaltig und letztlich aufgebauscht und irrelevant darzustellen, was aber gründlich misslingt. Ich habe der Nachdenkseitenredaktion draufhin den folgenden offenen Brief geschickt:

>> Liebe Nachdenkseiten-Redaktion und insbesondere lieber Herr Berger,


ich bin ein Nachdenkseiten-Leser der ersten Stunde und habe diese in der Phase der ersten Jahre auch finanziell in bescheidenem Rahmen gefördert. Ich besuche die Nachdenkseiten auch heute noch jeden Tag und sie liefern mir wertvolle Fakten und Argumente, wenn im Kollegenkreis wieder einmal die verbreiteten neoliberalen Thesen (demographische Entwicklung, zu hohe Lohnnebenkosten, zuviel Staat) oft gegen alle Fakten und alle Logik verbreitet werden. An dieser Stelle also vielen, vielen Dank an Sie, dass sie soviel Fleiß und Herzblut in dieses unverzichtbare Projekt stecken. Da ich somit viele Texte von Jens Berger bereits kannte und schätzte, habe ich auch sein Buch "Wem gehört Deutschland?" mit Freuden gelesen und seitdem auch mehrfach verschenkt.

Deshalb war ich gestern etwas irritiert, als ich statt der Hinweise des Tages auf den Nachdenkseiten einen Artikel von Herrn Berger vorfand, der die Ehre der Produkte der Fleischindustrie gegen die Wissenschaft verteidigte. Nun muss ich dazu sagen, dass ich aus ethischen Gründen vor nunmehr fünf Jahren auf eine vegane Ernährung umgestiegen bin. Mir ist es also letztlich ganz egal, ob die Wurst nun Krebs verursacht oder nicht, ich esse sie schon deshalb nicht, weil für ihre Herstellung mit Bewusstsein begabte Tiere fürchterliche Qualen erleiden müssen, trotz Hungers aus drei bis fünf für die menschliche Ernährung geeigneten Kilokalorien nur eine einzige gemacht wird, der Klimawandel unnötig verschärft wird, das Grundwasser mit Nitraten verseucht wird, eine extrem unsoziale und ausbeuterische Industrie am Leben gehalten wird usw. usf. Davon fand sich in dem Artikel leider nichts, obwohl diese Aspekte unauflöslich mit den Fleischprodukten in den Supermärkten verbunden sind.

Nun könnte ich auch darüber hinwegsehen, wenn es denn tatsächlich in Herrn Bergers Artikel darum gegangen wäre, in der bekannten aufklärerischen Manier bei der WHO-Veröffentlichung zu verarbeitetem und rotem Fleisch einen Missbrauch mit Statistik nachzuweisen, wie er ja gerne zum Beleg der oben erwähnten neoliberalen Thesen betrieben wird.

Ein solcher lag aber bei der WHO-Untersuchung und der entsprechenden Veröffentlichung schlicht nicht vor. Statt solch einen Missbrauch aufzuzeigen, variiert Herr Berger den Grundsatz "Korrelation ungleich Kausalität" in diesem Artikel rauf und runter, obwohl der zwar richtig, aber im Kontext der Aussagen der WHO-Meta-Studie zu verarbeitetem und rohem Fleisch gar nicht relevant ist. Statistisch nachgewiesene Zusammenhänge sind nämlich nie sicher. Das gilt z.B. genauso für den Zusammenhang zwischen Rauchen, Radioaktivität und Asbest einerseits und Krebsentstehung andererseits. Man könnte also wie Herr Berger bei Asbest genauso argumentieren, dass die Korrelation zwischen dem Umgang mit Asbest und der Erkrankung an Lungenkrebs ja nur eine Korrelation sei und deshalb noch gar nichts darüber aussage ob Asbest diesen Krebs auch verursache. Vielleicht sind ja Raucher unter den Arbeitern, die viel Kontakt mit Asbest haben, überrepräsentiert und weisen nur deshalb eine höhere Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung an Lungenkrebs aus. Also müsse man nichts auf Studien geben, die einen Kontakt mit Asbest als Krebsrisiko darstellten. Solche bekannten oder unbekannten Größen nennt man in der Statistik "confounding factor" oder auf deutsch "Störfaktor". Nur: Methodisch vernünftige epidemiologische Studien versuchen genau solche Störfaktoren bereits auszuschließen, in dem z.B. im Falles des Abests nur sportmuffelige Raucher, sportmuffelige Nichtraucher, sportliche Raucher und sportliche Nichtraucher untereinander im Hinblick auf die Exposition mit Asbest verglichen werden. Man nennt das Adjustieren. Auf diese Weise versucht die Epidemiologie explizit von anderen Variablen unabhängige  Risikofaktoren zu finden.

Die Wissenschaftler bei der WHO wissen das alles und haben es in ihrer Metastudie bereits berücksichtigt. Sie bezeichnen den Zusammenhang zwischen dem Konsum von verarbeitetem bzw. rotem Fleisch und Krebs entsprechend auch wissenschaftlich korrekt als "wahrscheinlich" bzw. "möglicherweise" krebserregend. (Genauso wie eben Radioaktivität nur "wahrscheinlich" krebserregend ist.)

Eine groß angelegte, langjährige und insbesondere unter dem Aspekt des Fleischkonsums interessante Studienreihe ist die zur Lebensweise der Siebenten-Tags-Adventisten in den USA. Diese begreifen nämlich allesamt ihren Körper als Schrein Gottes und pflegen deshalb einen sorgfältigen Umgang mit ihm. Raucher gibt es unter ihnen kaum und Alkohol konsumieren sie in aller Regel nur sehr mäßig. Einige von ihnen essen jedoch Fleisch, andere nicht. Sie sind also eine gute Untersuchungsgruppe, um die Risiken des Fleischkonsums unabhängig von anderen Lebensstil-Faktoren zu testen. Und siehe da: Auch bei ihnen findet sich eine statistisch relevanter und sogar sehr deutlicher Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Sterblichkeit.

Die von Herrn Berger zitierte Studie, die sogar ein erhöhtes Darmkrebsrisiko bei Vegetariern feststellt, krankt umgekehrt daran, dass sie den Konsum von anderen tierischen Produkten als Fleisch, insbesondere den von Milchprodukten, als Störfaktor gerade nicht ausschließt.  Viele nicht-vegane Vegetarierer kompensieren nämlich den Verzicht auf Fleisch mit einem Übermaß an Milchprodukten, insbesondere Käse. Längst weiß man jedoch, dass der übermäßige Konsum von Milchprodukten zum einen zu einer übermäßigen Aufnahme von Kalzium führen kann (die selbst ein unabhängiger Faktor bei Darmkrebs ist) und zum anderen zu erhöhten IGF-1-Spiegeln führt. Dass der Wachstumsfaktor IGF-1 wiederum bei der Krebsenstehung beteiligt ist, erschließt sich daraus, dass Menschen mit dem genetisch verursachten Laronne-Syndrom keinen solchen Faktor bilden und zwar kleinwüchsig bleiben und auch spezielle Gesundheitsprobleme haben, jedoch offenbar "immun" gegen Krebserkrankungen sind.

Herr Berger zweifelt dann noch die Erklärungsansätze an, die er jedoch -das ist zu loben- zumindest benennt. Z.B. ist es unter Medizinern längst keine Neuigkeit mehr, dass das früher so hochgelobte dreiwertige tierische Hämeisen viel problematischer ist als das zweiwertige pflanzliche Eisen. Von letzerem kann der Körper nämlich so viel aufnehmen wie er gerade braucht, während er ersteres aufnehmen muss, selbst wenn der Bedarf längst gedeckt ist. Es wirkt dann als Oxidans, kann also Gensequenzen in den Zellen zerstören.
Und dass das Nitritpökelsalz in verarbeitetem Fleisch mit Aminen zu Nitrosaminen reagieren kann, die ihrerseits schon als wahrscheinlich krebserregend eingestuft wurden, ist doch auch altbekannt. Das dürfte den eindeutigeren Zusammenhang zwischen Wurst und Krebs im Vergleich zu dem zwischen unverarbeitetem roten Fleisch und Krebs gut genug erklären.

Was aber außer plausiblen Erklärungsansätzen und statistisch relevanten Zusammenhängen (bei denen die Störfaktoren in den guten Studien herausgerechnet wurden), will Herr Berger denn noch? Mehr gibt es nie, auch nicht wie erwähnt bei der Radioaktivität oder bei Asbest. Will Herr Berger am Ende einfach seine eigenen Ernährungsgewohnheiten verteidigen, auch gegen die Rationalität der Wissenschaft? Dann wäre es ehrlicher, wenn er dazu stünde, an diesen Gewohnheiten festhalten zu wollen, egal was Studien dazu herausfinden. So machen es heutige Raucher ja auch.

Sonst stellen die Nachdenkseiten auch immer die wichtige Frage "Cui bono?". Wem sollte es also nützen, wenn die WHO die Gefahren des Fleischkonsums übertriebe? Meinen Sie, dass die Lobby der Gemüsebauern die Überhand bei den wissenschaftlichen Beratergremien der WHO gewonnen hätte? Das ist doch wohl eher unwahrscheinlich, zumal es den Gemüsebauern unter wirtschaftlichen Aspekten egal sein kann, ob sie ihre Produkte zum Verzehr durch Menschen oder durch Tiere in der Tiermast verkaufen. Eher steht hier eine unabhängige, supranationale Organisation gegen die Lobby der Fleischindustrie, die in den USA und in der EU schon mehrfach bewiesen hat, Gesetze zu ihren Gunsten erwirken bzw. Gesetze zu ihrem Schaden kippen zu können. Es ist also zu loben, dass die WHO ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit auch gegen solche mächtigen Interessen bewahrt und diese Studie veröffentlicht hat.

Ich schlage vor, dass Herr Berger sich einmal mit dem den Nachdenkseiten offenbar ja auch verbundenen Statistikprofessor Gerd Bosbach darüber in's Vernehmen setzt, wie die WHO-Meta-Studie zum Konsum von verarbeitetem und rotem Fleisch als Krebsrisiko unter dem wissenschaftlichen Aspekt zu bewerten ist.  Dann wird er sicher erfahren, dass hier eben kein Missbrauch mit Statistik zur Durchsetzung von Einzelinteressen vorliegt.

Mit nachdenklichen Grüßen
Hauke Dressel
Frechen
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Kommentare:

  1. Vielen Dank für deine super Antwort zu diesem Thema! Ich habe mich über den Artikel bei den NachDenkSeiten auch sehr geärgert. Aber so ist das leider oft. Wenn Missstände von anderen beseitigt werden können, wird das oft sehr lautstark gefordert, zum Beispiel Asbestsanierung. Als das Thema damals aufkam, wurden klamme Kommunen von Eltern zur Schulsanierung aufgefordert, damit ihre Kinder keinem Risiko ausgesetzt werden. Wo sind denn jetzt die besorgten Mütter und Väter, die eine vegane Ernährung für ihre Kinder in der Schule fordern? Die wird es leider kaum geben, denn sonst müssten sie ihre eigene Ernährungsweise kritisch hinterfragen, und das fällt vielen leider seh, sehrr schwer ......... auch Herrn Berger :((( Ich bin mal gespannt ob du eine Antwort bekommst ...

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    1. Hallo Homeveganer,

      (verspätet) danke für Deinen Kommentar. Ja, ein interessanter Aspekt der menschlichen Psychologie ist in der Tat die Tendenz äußere Gefahren viel größer einzuschätzen als die selbstverursachten. Da kann sich wohl niemand ganz freisprechen.

      Gruß
      Hauke

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  2. Wow, eine tolle Antwort, die sollten sie auf jeden Fall dort veröffentlichen sollten. Kannte die Nachdenkseiten bisher noch nicht, aber ich werde sie mir auf jeden Fall ansehen.
    Ich kann Homeveganer und dir, lieber Hauke, nur zustimmen. Ich finde, das Problem bei veganer Ernährung ist, dass man quasi das personifizierte schlechte Gewissen ist. Besonders natürlich wenn es direkt oder indirekt umns Essen geht und sich dann - meinen Beobachtungen nach - viele Menschen dazu genötigt fühlen, darzulegen, warum sie nicht vegan essen könn(t)en.
    Leider setzt auch bei einem selbst mit der Zeit ein Gewöhnungs- und Abstumpfungseffekt ein und um Konflikte und zu starke Diskurse zu vermeiden, antwortet man zu lasch oder lässt Aussagen unkommentiert. Da einen Mittelweg zu finden, halte ich persönlich für sehr schwer, da ich einerseits nicht mit jedem zu streiten anfangen möchte (besonders wenn das Thema Essen ist, geht es sehr leicht sehr hitzig zu) und andererseits nicht wie ein Fähnchen im Wind keine Argumente, Denkanstöße o.Ä. bringen möchte.
    Kennt ihr das auch? Wie geht ihr damit um?
    Alles Liebe
    Bine

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    1. Hallo Binch,

      es ist interessant, dass Du diesen Gewöhnungseffekt in Bezug auf die Verhaltensweisen und Rechtfertigungsmuster der Tierverbraucherinnen und -verbraucher ansprichst. Ich habe ihn nämlich auch gerade erst an mir selbst bemerkt. In der ersten Zeit meines "Veganertums" hatte ich mich natürlich auch immer weiter über die Ungeheuerlichkeiten der Tierindustrie informiert und hätte am liebsten allen Menschen in meinem Umfeld bei jedem Bissen in die Produkte dieser Industrie erzählt, was sie damit bei den Tieren, in der Umwelt, für den Welthunger, für die Klimakatastrophe und in ihrem Körper Fürchterliches anrichten. In letzter Zeit hingegen war ich dem gegenüber oft viel zu milde und hatte nicht mehr dieses starke Gefühl der Empörung wie am Anfang. (Wenn Menschen im Supermarkt Tierprodukt für Tierprodukt auf's Band legen und selbst die ganz wenigen pflanzlichen Produkte nur krankmachender Junk wie Kartoffelchips oder Weißbrot sind, muss ich mich allerdings immer noch schwer zurückhalten.)

      Das ist wohl halt die Macht des allgegenwärtigen Karnismus, die Melanie Joy so schön beschrieben hat. Die Ungeheuerlichkeiten werden gut versteckt und der Wahnsinn tarnt sich als Normalität und wird auch so wahrgenommen. Selbst vegan lebende Menschen können sich dem nicht vollständig entziehen.

      Von Bob und Jenna Torres habe ich allerdings ohnehin den Ratschlag angenommen, nicht gerade bei Tisch auf die Problematiken des Tierprodukte-Konsums hinzuweisen. Wie Du ja so schön schreibst, geraten die Tierverbraucherinnen und -verbraucher ja meist schon allein durch das gelebte Beispiel eines rein pflanzlich essenden Menschen am Tisch in die Defensive und bringen dann die üblichen Sprüche wie "Ich esse zuhause nur noch ganz selten Fleisch und wenn, dann auch nur Bio". (Ja, aber Du hast diese Woche zum dritten Mal ein Kantinengericht mit Fleisch völlig unbekannter Herkunft gewählt - und heute ist erst Mittwoch.)

      Wenn allerdings echte Falschbehauptungen aufgestellt werden, wie z.B. dass für das Soja der Veganerinnen und Veganer die Regenwälder Südamerikas zerstört werden, dann fühle ich mich doch berechtigt, dies zu korrigieren. Ich kann schließlich niemanden dumm sterben lassen. Manche Menschen im eigenen Umfeld signalisieren ja durchaus auch eine Offenheit für gute Argumente, und denen gebe ich dann gerne auch mal weiterführende Informationen in Form von Broschüren oder Links zu aufklärenden Artikeln oder Videos im Internet.

      Meines Erachtens nach ist es eine gute Methode, sich in sein früheres, uninformiertes und nicht-veganes Ich zu versetzen und sich zu fragen, für welche Art von Argumenten und Informationen dieses frühere Ich empfänglich gewesen wäre. Hätte ich es z.B. für Spinnerei gehalten, wenn mir jemand entgegen all meines gefühlten "Wissens" von den Gefahren des Kuhmilchkonsums erzählt hätte? Vielleicht ja. Oder hätte ich es als sentimentale und irrationale Argumentation abgetan, dass es schlicht grausam sei, Kälber direkt nach der Geburt von ihren Müttern zu trennen? Hoffentlich nicht. Also würde ich in diesem Fall eher davon berichten, zumal immer noch erstaunlich viele glauben, dass Kühe "einfach so" Milch gäben, weil sie ja dafür gezüchtet seien. Diese können sich dann -eine gewisse Offenheit vorausgesetzt- im Internet leicht vom Gegenteil überzeugen und merken so auch gleich, dass sie wohl doch nicht so gut informiert sind, wie sie immer dachten.

      Eine allgemeine Verhaltensregel gibt es meiner Meinung nach nicht. Es kommt immer stark auf die Situation und die beteiligten Menschen an. Grundsätzlich sollte man immer mit einem gewissen Verständnis und noch besser mit Empathie agieren und auch mit noch so guten Argumenten niemanden in eine Ecke drängen, aus der er oder sie nicht mehr heraus kann. Ich selbst finde die Methode des sokratischen Fragens ideal, weil sie allen Beteiligten die Möglichkeit bietet, selbst zu neuen Erkenntnissen gelangen. Leider bin ich weit davon entfernt, sie zu beherrschen oder auch nur die für sie geeigneten Situationen zu erkennen.

      Namasté
      Hauke

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    2. Hi Hauke,

      danke für die ausführliche Antwort.
      Besonders gefallen hat mir der Tipp, dass man sich in sein früheres Ich hineinversetzen soll. Leider fällt mir das nur sehr schwer, weil ich mich wirklich stark verändert habe und mit mir als Person eigentlich nur noch den Namen und die Familienzugehörigkeit gemeinsam habe. Meine Motivation vegan zu werden war dementsprechend damals noch egoistischer Natur und ich hätte nie gedacht, dass mich das Essen (oder eben Nicht-Essen) so verändert - meiner Meinung nach zum Besseren.
      Auch ich versuche immer dialektisch an die Menschen ranzugehen. Ich glaube, man kann sowieso niemanden in einem Gespräch überzeugen, höchstens einen Denkanstoß geben und das ist doch schon ein guter Ansatzpunkt.
      Problematisch ist auch, dass alle Leute immer Argumente und wissenschaftliche Fakten hören wollen und das das im Ernährungsbereich mit Studien gemacht wird, die nie 100% Sicherheit geben können, und sich darüber hinaus noch viele Mythen und Theorien um die Thematik ranken, finde ich das immer sehr schwierig.
      Ich sehe für mich HCLF vegan wirklich als Dauerlösung für ein gesundes und glückliches Leben, aber das einem "Normalo" begreiflich zu machen, übersteigt leider den Horizont mancher Menschen. Insbesondere habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sich vegan auch sehr schnell ungesund und v.a. mangel-ernähren kann, und wenn ich das ausführe, vertreibe ich gleich alle "Interessenten".
      So finde ich, bleibt jedes Gespräch und jede Diskussion ein Balance-Akt.
      Ich habe aber für mich entschieden, mit den wirklich selbst gemachten (gesundheitlichen) Erfahrungen und natürlich den ethischen Hintergründen zu argumentieren und nicht mit unbelegten Hypothesen. Ich finde das ehrlicher und authentischer und verweise dann lieber auf andere Leute, die sich damit besser auskennen.

      Ich wünsche dir eine gute Zeit, viel Geduld und Frieden :)
      Sabine

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